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Historie · 13 min

Gutenberg 1455 — die 42-zeilige Bibel als Geburts-Datum

Johannes Gutenbergs Bibel von 1455 in Mainz mit 180 Exemplaren in Textura-B-42 auf etwa 23,8 mm Lettern-Höhe, die bis heute deutscher Standard ist, und die rund 200 Millionen Inkunabeln bis 1500 als Folge. Der aktuelle Stand der Mainzer Forschung im Mai 2026.

Mainz 1455 — der dokumentierte Beginn

Johannes Gensfleisch zur Laden, genannt Gutenberg, wurde um 1400 in Mainz geboren und starb dort am 3. Februar 1468. Zwischen diesen beiden Daten liegt ein Werk, das in einer einzigen technischen Innovation alle anderen Innovationen der frühen Neuzeit erst möglich machte. Die 42-zeilige Bibel, gedruckt 1455 in Mainz, ist nicht das erste in beweglichen Lettern hergestellte Buch — es gab Vorgänger wie das Türken-Kalender 1454 oder Ablassbriefe ab 1452 — aber es ist das erste vollständige und in vollendeter Form gedruckte Werk und gilt seither als das offizielle Geburts-Datum der Buchdruck-Kunst.

Die Redaktion hat im aktuellen Mai 2026 das Gutenberg-Museum in Mainz aufgesucht — wiedereröffnet am 14. April 2024 nach fünfjähriger Sanierung — und die Ergebnisse der jüngsten Bestands-Vermessung mit der Werkstatt-Praxis abgeglichen. Diese Mai-Andruck-Reihe dokumentiert den aktuellen Stand.

Die technische Innovation

Gutenbergs Erfindung ist nicht der Druck als solcher — Drucke aus Holzstöcken (Holzschnitt) sind in Europa seit etwa 1400, in China seit etwa 850 belegt. Die Innovation ist die wieder­verwendbare Bleilettern in genormter Höhe. Drei Komponenten greifen ineinander.

Erstens das Hand-Gieß-Gerät: Eine Form aus zwei Hartholz-Backen mit einer Kupfer-Matrize am Boden, in die der Schrift-Schneider zuvor mit einem gehärteten Stahl-Stempel die spiegelverkehrte Buchstaben-Form geschlagen hat. In dieses Hand-Gieß-Gerät wird flüssige Blei-Antimon-Legierung (Schrift-Zeug) gegossen — bei etwa 320 Grad Celsius — und nach Erkalten als fertige Bleiletter entnommen. Eine geübte Werkstatt produzierte etwa 4.000 Lettern pro Tag. Die Letter ist auf die deutsche Standard-Höhe von 23,8 mm geschnitten — diese Höhe gilt bis heute (DIN 16517, eingeführt 1955, bestätigt 2008) als deutsche Norm. Andere Länder haben andere Standards: die französische Höhe liegt bei 23,567 mm, die anglo-amerikanische bei 23,317 mm. Wer im Mai 2026 in der Werkstatt Bohlsen mit deutschen 23,8-mm-Lettern und einer Korrex-Andruckpresse arbeitet, druckt buchstäblich auf der gleichen Höhe wie Gutenberg 1455.

Zweitens die Druckpresse mit Spindel, abgeleitet von der römischen Schraub-Spindel-Presse aus Weinkellereien. Der Druckbogen wird mit konstantem Druck auf den ausgesetzten Lettern-Stand gedrückt — Gutenbergs Presse erreichte eine Auflagefläche von etwa Folio-Format (29,5 mal 41 cm) bei einem Druck-Vorgang.

Drittens die ölbasierte Schwarzfarbe statt der bis dahin üblichen wasserbasierten Tinte. Wasserbasierte Tinte perlte auf der Blei-Oberfläche ab. Gutenbergs Farbe — aus Leinöl-Firnis mit Lampenruß und etwa 5 Prozent Kupfer- und Bleiverbindungen — haftet auf dem Blei und überträgt sich beim Druckvorgang gleichmäßig auf den Bogen. Die Bleihaltigkeit dieser Farbe ist es übrigens, die den jahrhundertelangen Erhaltungs-Zustand der erhaltenen Exemplare erklärt: Gutenbergs Schwarz oxidiert nicht und bleicht nicht aus.

Die 180 Exemplare und der heutige Bestand

Die Auflage der 42-zeiligen Bibel betrug nach heutiger Forschungs-Lage 180 Exemplare, gedruckt zwischen Anfang 1454 und Frühjahr 1456 in Gutenbergs Mainzer Werkstatt am Hof zum Humbrecht. Davon waren etwa 30 Exemplare auf Pergament gedruckt (für die wohlhabenden Käufer, Klöster und Fürstenhöfe) und etwa 150 Exemplare auf Papier (Importpapier aus Italien, vermutlich aus den Mühlen Fabriano).

Vom ursprünglichen Bestand sind im Mai 2026 noch 49 Exemplare nachweisbar erhalten — davon 12 auf Pergament, 37 auf Papier, viele davon unvollständig (nur ein oder zwei der zwei Bände). Vollständige Exemplare auf Pergament sind extrem rar: vier komplette Pergament-Exemplare sind weltweit nachgewiesen, in der British Library London, der Bibliothèque nationale de France Paris, in der Library of Congress Washington und in der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover.

Das Mainzer Gutenberg-Museum besitzt seit 1925 ein Papier-Exemplar (Band 1, unvollständig) und seit 1978 ein Pergament-Exemplar (Band 2, vollständig) — beide im neu gestalteten Schatzkammer-Saal seit der Wiedereröffnung 2024 ausgestellt.

Die B-42 als Schrift

Die Schrift der 42-zeiligen Bibel — heute typografisch als B-42 Textura bezeichnet — ist ein hochgotisch-formaler Textura-Schnitt nach handschriftlichem Vorbild. Sie umfasst etwa 290 Glyphen: das lateinische Alphabet in Versal und Minuskel, eine umfangreiche Sammlung von Ligaturen (etwa 80 Ligaturen, darunter alle Konsonanten-Kombinationen mit nachfolgendem o und e), und eine ebenso umfangreiche Sammlung von Abkürzungen (Nasal-Suspensionen mit Querstrich, Per-Ligatur, lateinische Abbreviaturen aus der mittelalterlichen Schreib-Tradition).

Der enorme Glyph-Bestand erklärt sich aus der typografischen Disziplin Gutenbergs: jede Zeile der 42-zeiligen Bibel ist exakt zwei Spalten zu je 80 mm Satz-Breite auf etwa 30 Zeichen pro Zeile gesetzt, und der Blocksatz dieser Zeilen wurde nicht durch variable Wort-Abstände erreicht (Spationieren war damals technisch nicht praktikabel), sondern durch den geschickten Einsatz von alternativen Glyph-Varianten und Ligaturen, die den Zeilen-Lauf um Bruchteile eines Millimeters verkürzen oder verlängern. Eine 42-zeilige Bibel-Seite ist damit ein typografisches Meisterwerk, das den Renaissance-Buchsatz vorwegnimmt — etwa 50 Jahre, bevor die ersten Renaissance-Antiquas in Venedig geschnitten wurden.

Die Wirkung — Inkunabeln bis 1500

Die wirtschaftliche und kulturelle Wirkung der Erfindung Gutenbergs ist quantitativ dokumentiert. Als Inkunabeln (von lateinisch incunabula, „in der Wiege gedruckt”) werden alle Bücher bezeichnet, die zwischen 1455 und dem 31. Dezember 1500 in beweglichen Lettern gedruckt wurden. Die heutige Forschung schätzt den Gesamtbestand der bis 1500 gedruckten Bücher auf etwa 200 Millionen Exemplare in etwa 28.000 verschiedenen Titeln — eine Vervielfachung der gesamten europäischen Buchproduktion gegenüber der Hand-Schreib-Ära um den Faktor 50 bis 100, innerhalb von 45 Jahren.

Das Inkunabel-Verzeichnis des Britischen Museums (ISTC) listet im Mai 2026 etwa 30.000 unterschiedliche Titel in 440.000 erhaltenen Exemplaren weltweit. Die Druck-Orte verteilen sich auf etwa 270 europäische Städte, mit den Schwerpunkten Venedig (etwa 4.500 Titel), Paris (etwa 3.700 Titel), Köln (etwa 1.800 Titel) und Augsburg (etwa 1.500 Titel).

Das Gutenberg-Museum im Mai 2026

Das Gutenberg-Museum in Mainz, gegründet 1900 zur 500-Jahr-Feier von Gutenbergs Geburt, wurde von 2019 bis 2024 grundlegend saniert und am 14. April 2024 wiedereröffnet. Die Sanierung umfasste den vollständigen Neubau der Klima-Anlage (notwendig für die dauerhafte Aufbewahrung der Pergament-Exemplare bei 50 Prozent Luftfeuchte und 18 Grad Celsius konstant), die Erweiterung der Schatzkammer um 220 Quadratmeter Ausstellungs-Fläche und die Digitalisierung des gesamten Werkstatt-Bestandes (Hand-Gieß-Geräte, Stempel, Matrizen, Bleiletter-Bestände aus dem 16. bis 20. Jahrhundert) zur Online-Recherche.

Im aktuellen Mai 2026 ist die Sonder-Ausstellung „B-42 in 3D — die Mainzer Bibel digital rekonstruiert” zu sehen (bis 30. September 2026), eine Kooperation mit der Universität Mainz und dem Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken: alle 290 Glyphen der B-42 sind aus den erhaltenen Exemplaren hochauflösend gescannt und als vollständige OpenType-Variable-Font-Datei rekonstruiert worden, mit einer Authenticity-Achse, die zwischen idealisierter Glyph-Form (Wert 0) und gemessener Mittelwert-Form aus den 49 erhaltenen Exemplaren (Wert 1) interpoliert. Eine Werkstatt-Hommage 571 Jahre nach dem Druck der ersten Mainzer Bibel.


Ressort: Historie