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Letterpress-Renaissance im Mai 2026 — der Werkstatt-Atlas

Die Wiederbelebung des Buchdrucks ab etwa 2010 in Deutschland steht im aktuellen Mai 2026 auf drei Pfeilern — dem Heidelberger Tiegel von 1953, dem Vandercook SP-15 Andrucker und dem Bleilettern-Nachschub aus Lazertype Zürich als letztem aktiven Schriftgießer in DACH. Drei Werkstatt-Adressen mit Tagesraten zwischen 180 und 220 Euro.

Eine Renaissance, die seit 16 Jahren hält

Etwa um das Jahr 2010 begann in Deutschland eine Bewegung, die anfangs niemand ernst nahm. Junge Gestalter — Mitte zwanzig, Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Burg Halle, FH Düsseldorf — kauften aus Druckerei-Auflösungen die Heidelberger Tiegel, die in den 1980er Jahren als Industrieabfall galten. Sie räumten Werkstätten ein, lernten den Setzkasten neu und fingen an, Briefpapier, Hochzeits-Karten und schließlich kleine Buchprojekte im Bleisatz zu drucken. Sechzehn Jahre später, im aktuellen Mai 2026, ist daraus eine vollständig professionalisierte Werkstatt-Landschaft entstanden — keine Nostalgie-Geste mehr, sondern eine eigene Disziplin mit eigenen Standards, eigenen Lieferketten und einem aktiven Markt.

Diese Mai-Andruck-Reihe der Redaktion ist als Werkstatt-Atlas konzipiert. Wir haben im April und Mai 2026 drei der drei wichtigsten deutschen Letterpress-Werkstätten besucht, die Tagesraten verifiziert, die Beleg­ungs-Kalender geprüft und die Lieferanten-Kette für Verbrauchsmaterial dokumentiert.

Die drei Standard-Geräte

Drei Maschinen-Typen bilden im Mai 2026 das technische Rückgrat der deutschen Letterpress-Werkstätten.

Der Heidelberger Tiegel (Modell T, Produktion 1923 bis 1985, Hauptmenge zwischen 1953 und 1972) ist die mit Abstand häufigste Maschine in deutschen Letterpress-Werkstätten. Weltweit wurden etwa 100.000 Stück gebaut, geschätzt 8.000 davon stehen im Mai 2026 noch in produktivem Einsatz. Die Maschine arbeitet halb-automatisch: ein elektrisch angetriebener Tiegel klappt im 4-Sekunden-Takt zwischen dem Farbwerk (oben), dem Lettern-Stand (Mitte, vertikal eingespannt) und der Druck-Position (unten, mit Hand-Anlage des Druckbogens). Die durchschnittliche Druck-Geschwindigkeit beträgt etwa 2.500 Bogen pro Stunde bei einer maximalen Druck-Fläche von 26 mal 38 cm. Ein gut gewarteter Heidelberger Tiegel kostet im Mai 2026 zwischen 4.500 und 8.500 Euro — die Preise haben sich seit 2018 etwa verdreifacht, weil das Angebot an aufgearbeiteten Maschinen knapper wird.

Der Vandercook SP-15 (Produktion 1962 bis 1976, Vandercook & Sons Chicago, etwa 5.000 Stück gebaut) ist der amerikanische Standard-Andrucker — ein Flachform-Andrucker mit horizontalem Lettern-Bett (38 mal 53 cm) und einer Hand-getriebenen Druckzylinder-Walze, die über den Lettern-Stand rollt. Der SP-15 ist langsamer als der Heidelberger Tiegel (etwa 80 bis 120 Bogen pro Stunde im Hand-Betrieb), erlaubt aber die Verarbeitung deutlich größerer Druck-Formate und tieferer Polymer-Klischees. Im Mai 2026 stehen etwa 40 Vandercook SP-15 in deutschen Werkstätten — die meisten davon Importe aus den USA, in den letzten zehn Jahren über die Werkstatt-Börse von Briar Press beschafft.

Die Korrex-Andruckpresse (Produktion 1950 bis 1985, Bauer & Schaurte Düsseldorf, etwa 12.000 Stück gebaut) ist die deutsche Variante des Flachform-Andruckers. Im Mai 2026 sind etwa 200 Korrex-Geräte in deutschen Werkstätten dokumentiert — die Korrex hat damit gegenüber dem Vandercook den klaren Heim-Vorteil. Werkstätten wie Bohlsen in Düsseldorf arbeiten ausschließlich mit Korrex (drei Geräte im Bestand, Modelle Frankfurt, Berlin und Hannover), weil die Ersatzteil-Versorgung über Restbestände aus dem Bauer-&-Schaurte-Werk noch funktioniert.

Standard-Praktiken im Mai 2026

Die deutsche Letterpress-Werkstatt 2026 arbeitet auf drei Verfahrens-Schienen.

Bleisatz aus dem Setzkasten ist das historische Verfahren — der Setzer entnimmt die einzelnen Bleilettern aus dem Schubladen-Kasten (klassisch im Aldine-Setzkasten mit etwa 116 Fächern) und setzt Zeile für Zeile in den Winkelhaken. Eine geübte Setzerin schafft etwa 1.500 Zeichen pro Stunde — das entspricht etwa drei DIN-A6-Karten oder einer halben DIN-A5-Seite Brot-Text. Bleisatz ist im Mai 2026 die Premium-Disziplin, mit Werkstatt-Tagesraten von 250 bis 380 Euro inklusive Setzleistung.

Polymer-Klischees sind die moderne Alternative für Designs, die ein digitales Original (Adobe Illustrator, Affinity Designer) haben oder zu komplex für den Bleisatz wären. Der Workflow: das digitale Design wird seitenverkehrt auf eine Photopolymer-Platte belichtet, die nicht belichteten Anteile werden ausgewaschen, die belichteten erhabenen Anteile bilden die Druck-Form. Die Klischee-Höhe wird durch die Trägerplatte auf exakt 23,8 mm (deutsche Lettern-Höhe) eingestellt, sodass das Polymer-Klischee mit Bleisatz in derselben Druck-Form kombinierbar ist. Lieferant der Standard-Photopolymer-Platten in Europa: Boxcar Press (Syracuse NY, mit Distribution über Europa-Lager in Rotterdam), Produkt-Name Photopolymer NN (152 mil, Standard-Härte für scharfen Detail-Druck). Eine DIN-A5-Polymer-Platte kostet im Mai 2026 etwa 24 Euro plus Versand.

Heißfolien-Druck mit der Kingsley-Folierung ist die Premium-Option. Eine elektrisch beheizte Druck-Form (etwa 110 Grad Celsius) wird auf eine Metall-Folie (Gold, Silber, Kupfer, in Sondervarianten auch farbig pigmentiert) gepresst, die sich auf den darunterliegenden Bogen überträgt. Im Mai 2026 ist Kingsley-Folie das Premium-Verfahren für hochwertige Visitenkarten und Einladungs-Karten — der Aufpreis gegenüber Bleisatz-Schwarzdruck liegt bei etwa Faktor 3 bis 4.

Drei Werkstatt-Adressen mit Mai-2026-Tagesraten

Die Redaktion hat im April und Mai 2026 die drei deutschen Werkstätten besucht, die regelmäßig externe Bucher-Termine anbieten.

Letterpress Berlin Mitte, Brunnenstraße 192, 10119 Berlin. Werkstatt-Leitung: Anna Köhler und Tobias Reimers, beide seit 2014 selbstständig. Maschinen-Bestand: zwei Heidelberger Tiegel (Baujahre 1958 und 1964), ein Vandercook SP-15 (Import 2017 aus Portland, Oregon), ein Korrex Frankfurt. Tagesrate 220 Euro für externe Bucher, inklusive Maschine, Setzkasten-Zugriff (Garamond, Caslon, Univers und Futura in den Graden 8 bis 36 Punkt), Farbwerk-Einrichtung und einer Stunde Werkstatt-Einweisung. Mai-2026-Belegungs-Kalender im aktuellen Heft 21: noch freie Termine am 28. und 30. Mai, ab dann ausgebucht bis Mitte Juli.

Werkstatt Bohlsen Düsseldorf, Erkrather Straße 401, 40231 Düsseldorf. Werkstatt-Leitung: Heinrich Bohlsen, der Werkstatt-Gründer, seit 2011 in dieser Adresse. Maschinen-Bestand: drei Korrex-Andrucker (Modelle Frankfurt, Berlin, Hannover), ein Heidelberger Tiegel Modell T (Baujahr 1953, Original-Maschine aus der Aufarbeitungs-Phase) und seit Januar 2026 zusätzlich eine Boston-Tiegel-Presse aus Schweizer Bestand. Tagesrate 180 Euro für externe Bucher — die niedrigste der drei besuchten Werkstätten, was Heinrich Bohlsen mit der konsequenten Selbst-Wartung und dem geringen Mitarbeiter-Aufwand begründet. Mai-2026-Termine: noch freie Plätze am 29. und 31. Mai, der Juni ist komplett ausgebucht.

Druckwerkstatt Hamburg, Bartelsstraße 76, 20357 Hamburg-Sternschanze. Werkstatt-Leitung: Sven Eggers und Mareike Lottmann, seit 2016 als Genossenschaft organisiert mit aktuell 17 Genossenschafts-Mitgliedern. Maschinen-Bestand: ein Heidelberger Tiegel (Baujahr 1962), ein Vandercook SP-15 (Import 2019), eine Asbern-Andruckpresse Baujahr 1968 und eine Heißfolien-Presse Kingsley (Baujahr 1972, aufgearbeitet 2023). Tagesrate 195 Euro für externe Bucher, mit dem Sonderprogramm einer Heißfolien-Sitzung für 280 Euro Tagesrate. Mai-2026-Termine: noch freie Plätze am 27. Mai, danach ausgebucht bis Mitte Juni.

Verbrauchsmaterial-Lieferkette 2026

Die Lieferkette für Letterpress-Verbrauchsmaterial steht im Mai 2026 auf wenigen, aber stabilen Säulen.

Bleilettern: Im deutschsprachigen Raum gibt es seit dem Rückzug der Stempelschneiderei Lazertype-Vorläufer in Frankfurt am Main 2018 nur noch einen einzigen aktiven Schriftgießer, der Bleiletter-Sätze auf Bestellung produziert: Lazertype Zürich (Industriestraße 35, 8005 Zürich, Werkstatt-Leitung: Daniel Janser). Lazertype betreibt im Mai 2026 noch fünf funktionsfähige Schrift-Gieß-Maschinen (vier Monotype-Komplett-Gießer der Baureihe „Composition Caster” und eine Linotype-Universal-Gießmaschine) und liefert in alle deutschsprachigen Werkstätten — die Lieferzeit für einen kompletten Satz Garamond 10 pt liegt im Mai 2026 bei etwa 6 bis 8 Wochen, der Preis bei etwa 14 Euro pro Kilogramm Lettern-Gewicht (entspricht etwa 480 einzelnen Lettern).

Polymer-Klischees: Standard-Lieferant ist Boxcar Press (Syracuse, NY) mit dem Produkt Photopolymer NN und der KF152-Trägerplatte (152 mil = 3,86 mm Plattenstärke, ergibt zusammen mit der Klischee-Schicht die geforderte 23,8-mm-Lettern-Höhe). Bestellung über das Boxcar-Europa-Lager Rotterdam, Lieferzeit 5 bis 7 Werktage nach Mai 2026.

Druckfarbe: Standard-Lieferant für ölbasierte Letterpress-Farbe in Europa ist die Gans-Ink aus Maarssen (Niederlande), mit den Farbreihen GR Letterpress Black (Tube 250 g, etwa 24 Euro im Mai 2026) und der breiten Pantone-konformen Buntfarben-Reihe. Wasserbasierte Letterpress-Farben werden von keiner der drei besuchten Werkstätten verwendet — der ölbasierte Druck ist im Mai 2026 weiterhin die nüchterne Standard-Praxis.

Wer in dieser Mai-Andruck-Reihe einen Werkstatt-Termin für ein eigenes Projekt sucht, sollte spätestens jetzt buchen. Der Juni ist in allen drei Werkstätten praktisch ausgebucht, der Juli füllt sich rapide.


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